Wer schützt die Tiere? 

Wenn wir wieder mal über einen entsetzlichen Tierschutzfall berichten oder strukturelle Missstände der Haltung von Tieren anprangern, bekommen wir häufig Rückmeldungen, die ungefähr so lauten: Da muss was gegen getan werden, das muss verboten werden, warum machen unsere Politiker nichts dagegen,  das muss  angezeigt bzw. bestraft werden, da müssen die Behörden ran, es sollte ein Tierhaltungsverbot geben. Ja, genau! ruft mein empörtes Herz. Doch schon im nächsten Moment führen Herz und Verstand ein Zwiegespräch. Meine Erfahrung hat mich gelehrt, wer die Tiere schützt. 

Schauen wir auf die Politik. Die Basis der Politik sind in unserer Demokratie Parteien. Parteien vertreten Interessen, sicher sie sollten sich dabei am Gemeinwohl orientieren, aber was ist das? Parteien brauchen Wähler also achten sie auf gesellschaftliche Strömungen. Das heißt sie reagieren darauf was von der Mehrheit (aller oder ihrer vermeintlichen Wählerschaft) gewünscht wird. Parteien setzen keine Trends, sie nehmen sie nur auf. Parteien sind opportun. Das setzt sich fort, wenn ihre Vertreter in Regierungsverantwortung kommen. Und wie oft haben wir Tierschützer*innen erlebt, dass das schlaue Gerede aus Oppositionszeiten nichts mehr zählte, wenn man an der Regierung ist. Um nicht missverstanden zu werden, ich halte unser System der repräsentativen Demokratie für wichtig und absolut schützenswert.  

Wie sieht es aus mit der Justiz. Richter und Staatsanwälte sind berufen den bestehenden Gesetzes Geltung zu verschaffen. Sie sind also in erster Linie Bewahrer des Status quo. Unser Tierschutzgesetz klingt ja für den unbedarften Leser schon mal gar nicht so schlecht und so hegt man Hoffnung. Tatsächlich ernüchtern dann Urteile und Entscheidungen wieder. Zuletzt ganz massiv, das Urteil zum Kükenschreddern. Für den Tod der Millionen männlicher Küken jedes Jahr sah das Gericht einen vernünftigen Grund in der Unwirtschaftlichkeit der Aufzucht dieser deshalb bei Geburt zum Tode verurteilten Tiere. Ich finde mit Vernunft hat das gar nichts zu tun, aber ich muss einräumen, dass die Mehrheit der Bundesbürger das anders sieht, denn sie konsumiert genau die Eier für die das Töten der Küken erfolgte. Die Richter waren da einfach mehr am Mainstream dran als ich. Aber genau dieser Mainstream ist es auch der Fortschritte in der Rechtsanwendung, die sogenannte Rechtsfortbildung möglich macht. Also das heißt die Gesetze ändern sich gar nicht, aber ihre Auslegung und Anwendung. Zuletzt sah es damit gut aus bei der Frage der Strafbarkeit des Eindringens und Filmens in Massentierhaltungsanlagen. Hier entschied ein Gericht, das das Interesse der Öffentlichkeit an der Berichterstattung über die Bedingungen in der Tierhaltung höher zu bewerten ist, als die Verletzung der Rechtsgüter des Betreibers einer solchen Anlage. Mal sehen, ob die weiteren Instanzen das was die Öffentlichkeit will, auch so beurteilen. 

Amtsveterinäre sind die behördlichen Hüter des Tierschutzes. Dabei muss man aber berücksichtigen, dass Amtsveterinäre auch für Lebensmittelsicherheit oder Tierseuchenbekämpfung zuständig sind. Bereiche, in denen das Leben und die Unversehrtheit eines Tieres überhaupt keine Rolle spielt, ganz im Gegenteil hier geht es nur darum, wie der menschliche Nutzen an Tieren bestmöglich gesichert werden kann. Tierschutz ist nicht Selbstzweck wie Tierschützer*innen ihn sehen. Klar strahlt diese grundlegende Ausrichtung auch auf die Bereiche aus, in denen dem Tierschutzgesetz eher um des Tieres willen Geltung verschafft werden sollte. Nur so ist zu erklären, was wir in unserer alltäglichen Tierschutzarbeit erleben. Da ist Arbeitszeit da, um den HTV als Träger des Tierheims mit (unsinnigen) Forderungen zur Vogelgrippeprävention zu überziehen, aber keine um beim Dingfestmachen eines Welpenhändlers zu unterstützen.  

Die Verantwortung der Produzenten und Verkäufer? Solange es einen Markt für ein Produkt gibt, gibt es Anbieter für dieses Produkt. Im Tierschutz habe ich in den vielen Jahren gelernt jede freiwillige Selbstverpflichtung der Produzenten oder des Handels ist eine Lüge. Entweder halten sie sich dann doch nicht daran oder ihre Marketingabteilung hat es bereits als massentauglich bewertet und deshalb setzt man sich selbst das Krönchen auf. Nie geht es um Verantwortung oder andere ethische Werte. Aber wenn der Markt ein Produkt ächtet, egal ob das logisch und berechtigt ist oder nicht, dann ist es unverkäuflich. Also nur die umfassende soziale Ächtung z.B. von Welpen aus Vermehrerstationen oder Qualzuchten würde tatsächlich den Markt verändern. Verbote ändern nicht per se etwas. Aber sie sind ausgesprochen hilfreiche Instrumente auf dem Weg zur gesellschaftlichen Ächtung eines Verhaltens. 

Was ich mir wünsche? Das endlich mal Verstand Mode wird. Verantwortung fürs Mitgeschöpf ein globaler Megatrend. Sie meinen jetzt schreibt doch wieder nur mein Herz? Es ist aber so: 

Letztendlich bleiben wir. Nö, ich meine damit nicht nur den organisierten Tierschutz. Ich meine Sie, liebe Leserin oder lieber Leser und mich. Jede und jeder Einzelne, die oder der sich entscheidet heute mehr zu tun als noch gestern für die Tiere. Die anderen machen das nicht für uns. Wenn wir gut sind, überzeugen wir die anderen es mit uns zu tun. Dann werden wir die Öffentlichkeit, auf die man hört. Entweder wir schützen die Tiere oder es tut niemand! 

verfasst Februar 2018